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Bochumer Verein, Bochum

  • 1841 kann Jakob Mayer, der Erfinder des Stahlformgusses, erste Formteile aus Stahl gießen
  • 1842 gründet Jakob Mayer die Gußstahlfabrik "Mayer & Kühne"
  • 1851 gelingt Jakob Mayer der Guss von Stahlglocken
  • 1852 werden sechs Gußstahlglocken auf der Düsseldorfer Provinzial- und Gewerbeausstellung präsentiert
  • 1854 Umwandlung des Betriebs unter dem Namen "Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation" in eine Aktiengesellschaft
  • Durch den Guss von insgesamt etwa 38.500 Glocken entwickelt sich der Bochumer Verein über die Zeit zur weltweit größten Glockengießerei.
  • 1860 Abschluss der Entwicklungen an der sogennanten "Sextrippe", in der die allermeisten der bis 1837 hergestellten Glocken gegossen sind
  • während des Zweiten Weltkriegs Verlust der Pläne für die Glockenrippen
  • 1946 Rekonstruktion der (unbefriedigenden) Oktavrippe von 1937
  • an 1947 intinsive Versuche mit unterschiedlichen Versuchsrippen mit dem Ziel den Klang der Gußstahlglocken zu optimieren
  • 1948 geht die sogenannte V12-Rippe, eine Oktavglocke mit guten Klangeigenschaften, in die Serienproduktion
  • 1971 wird die Herstellung von Gußstahlglocken eingestellt

Gußstahlglocken waren von Anfang an als gleichwertiger Ersatz, also als Konkurrenz für Bronzeglocken gedacht; sie zählen damit strenggenommen nicht zu Glocken aus Ersatzwerkstoffen, wie etwa Euphon- oder Weißbronzeglocken. Letztere waren in Notzeiten entwickelt worden, in denen Kupfer und Zinn, die wesentlichen Bestandteile der Glockenbronze, nur schwer, oder nur zu einem sehr hohen Preis erhältlich gewesen sind. Dennoch hatte - und hat - der Werkstoff Gußstahl bei Glockenexperten einen schweren Stand. Nach wie vor gibt es beispielsweise Vorbehalte gegen die klanglichen Eigenschaften dieser Instrumente, und auch die potentielle Lebensdauer wird überwiegend skeptisch beurteilt.

Untersuchungen und Versuche in jüngerer Zeit konnten zumindest zeigen, dass bei optimalen Rahmenbedingungen der Klang von Gußstahlglocken den Vergleich zu etlichen Bronzeglocken nicht zu scheuen braucht. Auch in Bezug auf die häufig in Frage gestellte Haltbarkeit dieser Glocken haben sich erste Hinweise ergeben, die darauf hindeuten, dass die Lebensdauer von Gußstahlglocken vermutlich mehrere hundert Jahre betragen kann.

Aufgrund der im Vergleich zu  Bronze annähernd doppelt so hohen Schallgeschwindigkeit des Werkstoffs Stahl sind Gußstahlglocken im Vergleich zu Bronzeglocken bei gleichem Schlagton ungefähr 1,5 mal so groß im Durchmesser. Um dennoch nicht zu viel Gewicht zu erhalten, wurden Gußstahlglocken von Anfang an sehr dünnwandig gegossen. Bei ungünstiger Klangerregung können diese Instrumente dann schnell obertönig und scheppernd klingen. Auch die Bildung eines sogenannten Nebenschlagtons, also eines zweiten Schlagtons, wird dadurch vermutlich begünstigt. Inzwischen konnten erste Forschungsergebnissen des Kompetenzzentrums für Glocken ProBell® der Hochschule Kempten in der Praxis umgesetzt werden. Auf Eichstätter Diözesangebiet fließen diese Erkenntnisse beispielsweise in die Sanierung der Glockenanlagen Ellingen, Erasbach, und Altdorf ein. Die Ergebnisse sind vielversprechend und können sich im wahrsten Sinne des Wortes "hören" lassen.

Vom Prinzip knüpft dieses wissenschaftliche Vorgehen direkt an die Arbeit des Bochumer Vereins an: Dort war man von Anfang an sehr darum bemüht Glocken von guter und konstanter Klangqualität herzustellen. Man arbeitete deswegen unter Anderem eng mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Braunschweig zusammen. Waren die Glocken, die zwischen den beiden Weltgriegendes vergangenen Jahrhunderts gegossen worden sind, überwiegend von ansprechendem Klang, kämpfte man nach Ende des Zweiten Weltkriegs, während dessen fast das ganze Wissen und die Pläne der Glockenrippen verloren gegangen sind, in den ersten Nachkriegsjahren enorm mit der Klangqualität der neuen Glocken. Über zwanzig Versuchsrippen wurden in dieser Zeit hergestellt, und spätestens 1948 gelang mit der sogenannten V12-Rippe wieder der Guss von Glocken in verlässlicher und guter Tonqualität.

 

Quellen:
Theo Fehn, Der Glockenexperte, Band III: Die Bochumer Gußstahlglocken und Theo Fehn, Badenia Verlag Karlsruhe, 1997
Sebastian Schritt, Bochumer Verein für Gußstahlfabrikation, Eigenverlag Trier, 2005
Jörg Wernisch, Glockenkunde von Österreich, Journal Verlag Lienz in Osttirol, 2006, S. 252ff.

Erhaltene und verifizierte Glocken auf Eichstätter Diözesangebiet (Auswahl):

  • Litterzhofen, Filialkirche St. Wolfgang (1919, as' - c'' - e'', mit insgesamt ca. 1.060 kg; wahrscheinlich das erste Geläute, das vom Bochumer Verein für eine Kirche auf Eichstätter Diözesangebiet gefertigt worden ist)
  • Dürn, Filialkirche St. Georg (1921, gis' - h' - dis'', mit insgesamt ca. 1.130 kg)
  • Fribertshofen, Filialkirche St. Anna (1921, f' - as' - c'', mit insgesamt ca. 1.950 kg)
  • Mittelricht, Filialkirche St. Leonhard (1921, gis' - h' - d'', mit insgesamt ca. 1.130 kg)
  • Plankstetten, Kloster- und Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt (1921, a° - c' - es' - ges' - a', mit insgesamt ca. 7.600 kg)
  • Böhmfeld, Pfarrkirche St. Bonifatius (1922, e' - g' - a', mit insgesamt ca. 2.240 kg)
  • Breitenbrunn, Pfarrkirche Mariä Aufnahme in den Himmel (1922, cis' - e' - g' - b', mit insgesamt ca. 3.740 kg)
  • Ellingen, Pfarrkirche St. Georg (1922, h° - d' - f' - g', mit insgesamt 5.483 kg)
  • Pfünz, Filialkirche St. Nikolaus (1922, as' - c'', mit insgesamt ca. 930 kg, als Zuguss zu es'')
  • Rasch, Filialkirche St. Vitus (1922, a' - h' - dis'', mit insgesamt ca. 950 kg)
  • Theilenberg, Pfarrkirche St. Wenzeslaus (1922, b', mit ca. 450 kg, als Zuguss zu c'' - es'')
  • Treuchtlingen, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt (1922, c', mit ca. 1.900 kg, 2015 gebraucht erworben als Ergänzung zu es' - f' - g' - b')
  • Erasbach, Kuratiekirche Mariä Heimsuchung (1923, f' - as', mit insgesamt ca. 1.570 kg, als Zuguss zu b')
  • Altdorf bei Titting, Pfarrkirche St. Nikolaus (1924, fis' - a' - h', mit insgesamt 1.698 kg)
  • Denkendorf, Pfarrkirche St. Lauirentius (1947/48, d' - f' - g' - b', mit insgesamt ca. 3.660 kg)
  • Dörndorf, Pfarrkirche St. Sixtus (1948, d' - f' - a', mit insgesamt ca. 3.260 kg, als Zuguss zu h')
  • Eutenhofen, Pfarrkirche Mariä Aufnahme in den Himmel (1948, dis' - fis' - gis', mit insgesamt 2.288 kg)
  • Obermässing, Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt (1948, b° - des' - es' - f' - ges' - as' - b', mit insgesamt ca. 12.400 kg; mit 7 Glocken das zahlen- und gewichtsmäßig größte Gußstahlgeläute auf Eichstätter Diözesangebiet)
  • Deusmauer, Filialkirche St. Margareta (1949, fis' - a' - h', mit insgesamt ca. 2.020 kg)
  • Reichertshofen, Pfarrkirche St. Nikolaus (1949, e' - g', mit insgesamt ca. 2.180 kg, als Zuguss zu h')

Quelle: Glockenkartei der Diözese Eichstätt

Videos

Der Glockenexperte unterwegs

Beitrag des Bayerischen Rundfunks über die Arbeit des Glockensachverständigers Thomas Winkelbauer

Audios

Thomas Winkelbauer - Der Glockenexperte im Bistum Eichstätt

Sagen und Legenden über Glocken in der Region